Strategische Positionierung
Aus- und Aufbau von Wettbewerbsvorteilen
Die Konsolidierungswelle im Kanzleimarkt hat ihre Spuren hinterlassen. Der Wettbewerb um die besten Mandanten hat sich verschärft. Die Differenzierung und Positionierung der Kanzleien erhält strategische Bedeutung. Jede Anwaltskanzlei braucht eine langfristige Strategie, um zukünftig im Markt bestehen zu können und um neues Wachstum zu generieren. Wie soll die Expansion der Kanzlei betrieben werden und wie die Integration von Partnern, Teams und Standorten?
„Warum soll ich Ihnen das Mandat geben und nicht einer anderen Kanzlei? Wofür steht Ihre Kanzlei?“ Können Sie diese entscheidenden Fragen eines potenziellen Mandanten beantworten?
Es reicht nicht aus, wenn die Partner einer Kanzlei sich für das folgende Geschäftsjahr lediglich einige Aktivitäten vornehmen oder persönliche Ziele stecken. Für die Erstellung einer Kanzleistrategie ist es wichtig, zunächst eine analytische Bestandsaufnahme der Kanzlei, ihrer Erfolge und Defizite vorzunehmen. Dieses Performance Assessment der Kanzlei, von Standorten und Praxisgruppen sollte unvoreingenommen geschehen und nach einem systematischen Ansatz erfolgen. Die Ergebnisse sollten im Partnerkreis diskutiert werden, um daraus neue Ideen oder notwendige Veränderungen abzuleiten. Im Vergleich zu Wettbewerbern ergeben sich Stärken und Schwächen, die gezielt beim Marktangang berücksichtigt werden sollten.
Schoen + Company beschreibt zentrale Themen des professionellen Kanzleimanagements in einer Serie von vier White Papers. Dabei werden zahlreiche praktische Fallbeispiele aus der Beratungstätigkeit sowie die dazugehörigen theoretischen Ansätze vorgestellt.
Teil 1: Strategische Positionierung; Teil 2: Mandantenentwicklung; Teil 3: Marketingeffizienz; Teil 4: Organisatorische Effektivität
Um langfristig Profitabilität zu erreichen, müssen Kanzleien klare Strategien definieren und umsetzen.
Schritt 1: Strategieentwicklung und Positionierung
Langfristige Umsatzsteigerung und Profitabilität lässt sich nur durch eine nachhaltige Strategie erreichen. Zur Strategiefindung eignen sich spezielle Analysen, um systematisch mögliche Strategieoptionen zu beleuchten. Diese Analysen sollten auf Kennzahlen der Anwaltskanzlei und des Anwaltsmarktes gestützt sein. Eine praxiserprobte Analyse ist die Portfolioanalyse (nach BCG), in der die einzelnen Rechts- oder Themengebiete in einer dreidimensionalen Matrix dargestellt werden. Die erste Dimension berücksichtigt die relative Marktstärke zum Wettbewerb, die zweite das Marktwachstum und die dritte Dimension den Umsatz, dargestellt durch die Größe der Kreise. Als „Cash Cows“ bezeichnet man Rechtsgebiete einer Kanzlei, in denen die Kanzlei im Vergleich zum Wettbewerb relativ stark ist, die aber nur geringes oder gar kein Wachstum mehr verzeichnen. Diese Rechtsgebiete gilt es abzuschöpfen, da sie die höchste Profitabilität bringen. „Stars“ sind Rechtsgebiete, die ein hohes Marktwachstum aufweisen und in denen die Kanzlei eine hervorragende Stellung hat. Die „Fragezeichen“ sind Rechtsgebiete, die überdurchschnittlich schnell wachsen und in denen die Kanzlei aber noch schwach vertreten ist. „Poor Dogs“ haben eine schwache Stellung zum Wettbewerb in schrumpfenden oder stagnierenden Märkten. Sie sind meist unprofitabel oder haben geringe Bedeutung innerhalb der Kanzlei.
Fallbeispiel
Eine mittelständische, regionale Kanzlei mit drei Standorten bietet Leistungen in sechs Rechtsgebieten, deren Umsätze unterschiedlich groß sind. Jedes Rechtsgebiet wird entsprechend seiner Größe, seines Marktwachstums und seiner relativen Marktstärke in das Portfolio eingetragen. Folgende Handlungsempfehlungen lassen sich daraus ableiten: in den Rechtsgebieten 1 und 4 muss die Position gegenüber dem Wettbewerb verteidigt werden, da sie attraktive Wachstumsfelder auch für andere Kanzleien darstellen. Dies kann z. B. über Investitionen in Marketingmaßnahmen für Bestandsmandanten erfolgen oder durch personelle Verstärkung dieser Rechtsgebiete. Die Wettbewerbsfähigkeit der Rechtsgebiete 3 und 5 muss hingegen verbessert wer-den. Hier könnte ein Preis-Leistungsvergleich mit Wettbewerbern hilfreich sein oder gezielte Awarenessmaßnahmen. In Rechtsgebiet 2 sollte nur moderat investiert werden, da das Marktwachstum nur durchschnittlich ist. Bei Rechtsgebiet 6 stellt sich die Frage, ob es abgestoßen werden sollte oder zwecks Mandantenbindung oder zur Einstiegsberatung erhalten werden muss. Falls es beibehalten wird, sind zumindest Effizienzsteigerungen notwendig, um die Profitabilität zu erhöhen.
Das Fallbeispiel verdeutlicht, wie unter-schiedlich die Strategien für die einzelnen Rechtsgebiete sein können und wie überaus wichtig es ist, Strategieoptionen auf Analysen und Kennzahlen zu stützen. Ist eine Entscheidung für eine bestimmte Strategie gefallen, gilt es aus der Strategie Handlungsempfehlungen abzuleiten, so dass die Strategie in der Kanzlei verankert wird und jeder zu der Erreichung beitragen kann.
Schritt 2: Wettbewerbsanalyse
Viele Kanzleien kennen Ihre vermeintlichen Wettbewerber namentlich, jedoch fehlt es an konkreten Vergleichsmöglichkeiten. Um die Position im Wettbewerb zu verbessern, sollten deshalb die Stärken und Schwächen der Kanzlei differenziert bestimmt werden. Hierfür eignet sich die kompetetive Wettbewerbsanalyse, mit der bestimmte Merkmale der Kanzlei in Relation zum stärksten Wettbewerber analysiert werden. Innerhalb von Bewertungskategorien sollten mehrere konkrete Merkmale abgefragt werden. So kann sich z. B. die Kategorie Marketing aus den Merkmalen Quantität der Marketingmaßnahmen, Fokussierung auf Zielgruppen, Marketingbudget und Auswahl Marketing-Mitarbeiter zusammensetzen.
Fallbeispiel
Die Wettbewerbsanalyse einer Kanzlei ergab Defizite in mehreren Bereichen. Ihre wesentliche Stärke liegt im Personalbereich. Sie zeichnet sich positiv beim Merkmal Personalfluktuation und Integration neuer Partner aus. In allen anderen Bereichen weist sie deutliche Schwächen zum Wettbewerb auf. Diese Schwächen müssen mittelfristig durch gezielte Maßnahmen eliminiert werden. Die Schwäche im Bereich Umsatzentwicklung will die Kanzlei abbauen durch Konzentration auf umsatzstarke Mandantensegmente und Einführung eines Cross-Selling-Systems zwischen den Praxisgruppen.
Schritt 3: Langfristige Kanzleiziele
Sind die strategischen Ziele auf Wachstum ausgerichtet, muss entschieden werden, wie das Wachstum erreicht werden soll. Aus den zahlreichen Ansätzen zur Umsatzsteigerung müssen die geeigneten ausgewählt werden. Das Wachstum könnte durch Akquise neuer Mandanten oder Ausbau der Stammmandanten, durch geografische Expansion auf entfernter liegende Unternehmen oder mit neuen Standorten erreicht werden. Hierbei muss der zeitaufwendige Eigenaufbau mit dem Zukauf von Teams verglichen werden. Möglich wäre es auch, das Pricing-System zu optimieren, um höhere, an die Mandantensituation angepasste Stundensätze durchzusetzen.
Zentral bleibt allerdings die Frage, welche Mandantensegmente zukünftig gezielt bedient werden sollen und wie die vorhandene Mandantenstruktur ausgebaut werden soll.
Fallbeispiel
Die langfristige Planung dieser Kanzlei zielt auf ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 15% jährlich. Dieses soll in erster Linie durch stärkere Bindung der Stammmandanten an die Kanzlei erzielt werden sowie durch die Gewinnung von Neumandanten. Der Verlustanteil von Mandanten wird somit kontinuierlich minimiert. Für alle drei Ansätze wurden detaillierte Maßnahmenpakete geschnürt.
Schritt 4: Performance Assessment
Ein wichtiges Instrument zur einheitlichen Betrachtung der Leistung einer Kanzlei ist das Performance Assessment. Hierfür werden Leistungskennzahlen in verschiedenen Standorten und Praxisgruppen, sowie zwischen Partnern verglichen. Typische Kennzahlen sind hier die Durchdringung von Zielsegmenten, Umsatzanteile, Stundensätze, Profitabilität und Marketingeffizienz. Diese Kennzahlen können dann als Benchmarks für eine langfristige Kontrolle von strategischen Zielen verwendet werden oder für kurzfristige Maßnahmen zur Eliminierung der identifizierten Schwachstellen.
Fallbeispiel
Eine internationale Großkanzlei hat vier Standorte in Deutschland. Eine wichtige Zielgruppe sind die Unternehmen aus den Börsensegmenten DAX30 und M-DAX. Ein Marketingziel dieser Kanzlei ist die Erhöhung des Umsatzes in den Standorten mit dieser Zielgruppe. Die beste Performance weist derzeit Standort 4 auf, da dieser mit den DAX30-Unternehmen bereits ein Drittel seines Umsatzes bestreitet. Innerhalb der M-DAX-Unternehmen sind alle vier Standorte stark vertreten. Die Standorte 1, 2 und 3 müssen ihren Umsatz bei den DAX30-Unternehmen systematisch ausbauen und verstärkt Synergiepotenziale nutzen.
Checkliste – Zehn Fragen zur strategischen Positionierung Ihrer Kanzlei:
- Haben Sie Ihre Kanzleistrategie schriftlich formuliert?
- Kennen und leben alle Partner und Mitarbeiter die strategischen Kernpunkte?
- Kennen Sie die Cash Cows, Stars, Fragezeichen und Poor Dogs Ihrer Kanzlei?
- Haben Sie quantitative Ziele für die nächsten 3 Jahre festgelegt?
- Führen Sie regelmäßige Strategie-Reviews durch?
- Stützen Sie Ihre strategischen Entscheidungen auf Intuition oder Zahlen?
- Sind Ihre Kanzleimaßnahmen im Einklang mit der Strategie?
- Wissen Sie, wie Ihre Kanzlei im Wettbewerbsvergleich steht?
- Kennen Sie die Stärken und Schwächen Ihrer Kanzlei?
- Führen Sie jährliche Performance Assessments durch?